Der 23. August erinnert heute europaweit an die Opfer totalitärer und autoritärer Regime. Ausgangspunkt des Datums ist der 1939 geschlossene Hitler-Stalin-Pakt: Das Deutsche Reich und die Sowjetunion vereinbarten offiziell den Gewaltverzicht, während ein geheimes Zusatzprotokoll Osteuropa in Interessensphären aufteilte. Für Polen folgten binnen weniger Wochen zwei Invasionen, Besatzung und staatliche Zerschlagung.
Von der Redaktion Beauty in Town · Stand: 23. August 2026
Was am Abend des 23. August 1939 in Moskau geschah
In Moskau unterzeichneten der deutsche Außenminister Joachim von Ribbentrop und sein sowjetischer Amtskollege Wjatscheslaw Molotow den deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt. Josef Stalin war bei der Unterzeichnung anwesend. Der Vertrag wird deshalb sowohl Hitler-Stalin-Pakt als auch Molotow-Ribbentrop-Pakt genannt.
Nach außen verpflichteten sich das Deutsche Reich und die Sowjetunion, einander nicht anzugreifen. Beide Seiten sollten neutral bleiben, falls eine von ihnen in einen Krieg mit einem dritten Staat geriet. Für Adolf Hitler verringerte die Vereinbarung vor dem geplanten Angriff auf Polen das Risiko eines unmittelbaren Zweifrontenkriegs.
Stalin gewann seinerseits Zeit und politischen Handlungsspielraum. Zugleich eröffnete der Pakt der Sowjetunion die Möglichkeit, ihren Einfluss in Gebieten auszudehnen, die im geheimen Zusatzprotokoll ihrer Interessensphäre zugerechnet wurden.
Die Encyclopaedia Britannica bestätigt sowohl das Unterzeichnungsdatum als auch die Vereinbarung geheimer Interessensphären. Gerade die Trennung zwischen öffentlichem Vertrag und vertraulicher territorialer Absprache ist für das Verständnis des Ereignisses entscheidend.
Das geheime Zusatzprotokoll ging weit über Gewaltverzicht hinaus
Der öffentlich bekannte Vertrag war ein diplomatischer Nichtangriffspakt. Das geheime Zusatzprotokoll behandelte dagegen die politische und territoriale Neuordnung Osteuropas für den Fall künftiger Veränderungen.
Es ordnete unter anderem Finnland, Estland, Lettland und Bessarabien Interessensphären zu. Besonders folgenreich war die vorgesehene Aufteilung Polens zwischen dem Deutschen Reich und der Sowjetunion. Damit akzeptierten beide Regime im Voraus, dass die staatliche Souveränität ihrer Nachbarn ihren eigenen Machtinteressen untergeordnet werden konnte.
Das Protokoll war kein detaillierter gemeinsamer Feldzugsplan. Es schuf jedoch die politische Grundlage dafür, dass Deutschland Polen von Westen und die Sowjetunion später von Osten angreifen konnten, ohne zunächst einen militärischen Konflikt miteinander zu riskieren.
Die wichtigsten Daten der folgenden Wochen zeigen, wie schnell aus der diplomatischen Absprache konkrete Gewalt wurde:
- 23. August 1939: Unterzeichnung des Nichtangriffspakts und des geheimen Zusatzprotokolls in Moskau.
- 1. September 1939: Das Deutsche Reich greift Polen an; damit beginnt der Zweite Weltkrieg in Europa.
- 17. September 1939: Die Rote Armee marschiert von Osten in Polen ein.
- 28. September 1939: Deutschland und die Sowjetunion präzisieren ihre Teilung des besetzten polnischen Gebiets.
Polen wurde zum ersten unmittelbaren Opfer der Vereinbarung
Der deutsche Angriff am 1. September war ein von der nationalsozialistischen Führung vorbereiteter und begonnener Angriffskrieg. Polen wurde aus mehreren Richtungen attackiert. Großbritannien und Frankreich erklärten Deutschland daraufhin den Krieg, konnten den polnischen Staat aber nicht rechtzeitig militärisch entlasten.
Am 17. September rückte die Sowjetunion in Ostpolen ein. Die sowjetische Führung erklärte, der polnische Staat existiere nicht mehr. Tatsächlich kämpften polnische Verbände weiter, während Regierung und Bevölkerung bereits unter dem deutschen Angriff standen.

Nach der militärischen Niederlage wurde Polen zwischen beiden Besatzungsmächten aufgeteilt. Es folgten Verhaftungen, Deportationen, Erschießungen, Enteignungen und die gezielte Verfolgung politischer sowie gesellschaftlicher Eliten. Millionen Menschen gerieten unter deutsche oder sowjetische Herrschaft.
Unterschiedliche Herrschaftssysteme, unterscheidbare Verantwortlichkeiten
Historische Genauigkeit verlangt, Zusammenarbeit und Unterschiede gleichzeitig zu benennen. Das nationalsozialistische Deutschland begann den Krieg in Europa und führte später einen rassistisch begründeten Vernichtungs- und Besatzungskrieg. Die Shoah und die systematische Ermordung der europäischen Jüdinnen und Juden waren zentrale Verbrechen des NS-Regimes und dürfen nicht durch pauschale Gleichsetzungen relativiert werden.
Die Sowjetunion beteiligte sich an der Zerschlagung Polens und errichtete in den annektierten Gebieten eine eigene Repressionsherrschaft. Zu deren Verbrechen gehörten Massendeportationen, politische Verfolgung und die Ermordung polnischer Offiziere und weiterer Gefangener, unter anderem 1940 im Zusammenhang mit Katyn.
Beide Diktaturen kooperierten 1939 bei der territorialen Neuordnung. Daraus folgt jedoch weder, dass ihre Ideologien, Ziele und Verbrechenskomplexe identisch waren, noch dass die deutsche Verantwortung für den Beginn des europäischen Krieges verwischt werden darf.
Warum der 23. August ein europäischer Gedenktag ist
In Deutschland steht die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg zu Recht im Zeichen der nationalsozialistischen Aggression, der deutschen Besatzungspolitik und des Holocaust. In Polen, den baltischen Staaten und anderen Teilen Ostmitteleuropas gehört zusätzlich die Erfahrung sowjetischer Besatzung, Annexion und Repression zur Familien- und Nationalgeschichte.
Diese unterschiedlichen Erfahrungshorizonte erklären, warum der 23. August innerhalb Europas nicht überall gleich wahrgenommen wird. Für viele Menschen in Ostmitteleuropa symbolisiert das Datum, wie zwei Großmächte über kleinere Staaten entschieden und deren Bevölkerung anschließend Gewaltregimen auslieferten.
Das Europäische Parlament ordnete den Tag in seiner Entschließung vom 19. September 2019 in die europäische Erinnerung an die Opfer totalitärer und autoritärer Regime ein. Der Gedenktag soll verschiedene Opfererfahrungen sichtbar machen, ohne historische Unterschiede einzuebnen.
Erinnerungspolitik bleibt politisch umkämpft
Kontroversen entstehen dort, wo Geschichte zur Rechtfertigung heutiger Politik eingesetzt wird. Die sowjetische Führung leugnete die Existenz des geheimen Zusatzprotokolls jahrzehntelang. Heute stehen sich erneut Deutungen gegenüber, die entweder die sowjetische Mitverantwortung an Polens Teilung herunterspielen oder den Pakt nutzen, um NS- und Sowjetverbrechen unterschiedslos gleichzusetzen.
Eine belastbare Erinnerungskultur hält beides aus: Sie benennt die eigenständige Verantwortung der Sowjetunion für Invasion, Annexion und Repression und wahrt zugleich die historische Besonderheit des nationalsozialistischen Rassen-, Vernichtungs- und Völkermordprogramms.
Der nächste konkrete Punkt in der Chronologie ist der 1. September 1939, der deutsche Überfall auf Polen. Ihm folgt am 17. September der sowjetische Einmarsch und am 28. September die vertraglich nachgezogene Grenzordnung zwischen den beiden Besatzungsmächten.
Quelle: Encyclopaedia Britannica
Kontext und Aktionen Über diesen Artikel
Quellenprüfung Historische Einordnung
Vertragsinhalt, Chronologie und heutiger Gedenkkontext wurden anhand einer historischen Enzyklopädie und einer Entschließung des Europäischen Parlaments eingeordnet.
- Unterzeichnung des Nichtangriffspakts am 23. August 1939 geprüft
- Funktion des geheimen Zusatzprotokolls geprüft
- Chronologie der Angriffe auf Polen getrennt dargestellt
- Europäischen Erinnerungskontext anhand der Entschließung von 2019 geprüft
- Quelle
- Encyclopaedia Britannica
- Umfang
- Europa
- Aktualisiert
- 2026-08-23 07:36
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